TRADITION

Den andern immer einen Schritt voraus...

Was nur wenige für möglich halten, ist in Damme längst Tatsache: eine Carnevalsgesellschaft, die sich auf das Jahr 1614 zurückführt! Solche tief verwurzelte und lang anhaltende Tradition vermutet kaum jemand im angeblich so nüchternen norddeutschen Raum. Und welche Dimensionen, ja, welche Qualität die Dammer Fastnacht mittlerweile erreicht hat, spricht Bände, denn fast 9000 aktive und putzmuntere Närrinnen und Narren gestalten nach eigenen Ideen, in aufwändiger Eigenarbeit mit viel Zeit und Geld einen fünf Kilometer langen Umzug von annähernd fünf Stunden.

Auch das hätte kaum einer dem Carneval in Norddeutschland zugetraut. Aber bei einer solchen Tradition und Begeisterung, die schon seit unzähligen Generationen die Allerjüngsten mit der Muttermilch begierig einsaugen, ist das kein Wunder. Dabei sind die Dammer den andern immer um einen Schritt voraus. Bereits eine Woche vor dem rheinischen Karneval ist Damme außer Rand und Band.

Denn die Kirche setzte 1892 eine Non-Stop-Gebetsübung auf die Fastnachtstage, das Vierzigstündige Gebet. Da war guter Rat teuer! Aber mit damals 278-jähriger Carnevalserfahrung schlugen die Dammer Narren ihrer Kirche ein Schnippchen, denn auf ihre Fünfte Jahreszeit wollten sie auf keinen Fall verzichten. Sie feierten also einfach eine Woche früher und konnten die nächsten Tage bei Bedarf in Ruhe beten und büßen. So ist es bis heute geblieben, auch wenn vielleicht nicht mehr so heftig gebetet und gebüßt wird.

Schauen wir ins angeblich so finstere Mittelalter, so entdecken wir die ersten Spuren der Dammer Fastnacht. Da zog man am Abend vor Beginn der Fastenzeit, also in der Nacht vor dem großen Fasten, mithin der Fast-Nacht, von Haus zu Haus und gabelte mit der bekannten Gaffel alles auf, was ess- und trinkbar erschien. Volkskundler nennen das „Heischegang“. Anschließend gab es dann ein deftiges Gelage, denn in der danach anbrechenden Fastenzeit war der bekannte Schmalhans Küchenmeister. Diese Art, Carneval zu feiern, gaben die hiesigen Narren etwa 1870 auf zugunsten rheinischer Formen mit Kostüm-Umzügen, Maskenbällen, Gala-Sitzungen und allem Drum und Dran. Die Dammer lernten also, sich zu verkleiden und andere Rollen zu spielen. Doch nicht so ganz! Denn für Dienstag nach Dammer Rosenmontag haben sie sich den “Gänsemarsch“ reserviert.

Da wird – die gute, alte Gaffel voran – noch einmal der Zug durch die Gemeinde gemacht und anschließend in flüssiger Form geprasst. Natürlich nur von den Unentwegten in Damme. Aber die haben sowieso den Vorteil, dass sie sich am nächsten Wochenende andernorts erneut ins närrische Getümmel stürzen können. Denn die Dammer sind den andern ja bekanntlich immer einen Schritt voraus…
Dass die Entwicklung in Damme vor allem seit den 1970er Jahren geradezu explosiv voranschritt, ist zweifellos der integrativen Wirkung des Carnevals zu verdanken. Denn die Themen und Motive der Wagen und Gruppen für die Umzüge werden nicht zentral von der Carnevalsgesellschaft als Organisatorin vorgegeben, sondern entspringen eigenen Ideen derjenigen, die sich nach Vereinen, Schulklassen, Freundeskreisen, Nachbarschaften sowie beliebig zusammengestellten Gruppen finden können, um ihr Thema zu gestalten. Die meist wochenlange intensive Arbeitsphase und Vorbereitungszeit führt dazu, dass sich die Dammer untereinander besser kennen lernen, was gerade wegen der vielen neu Hinzugezogenen sehr wichtig ist. Auch darin ist Damme bei seiner Entwicklung anderen Gemeinden einen Schritt voraus….

Dammer Fastnacht - eine uralte Tradition

„Helau Fastaubend!“ ist der Ruf der Dammer Närrinnen und Narren, wenn die „Fünfte Jahreszeit“ in der Stadtgemeinde angebrochen ist. „Helau Fastaubend!“ zeigt schon in seiner Formulierung eine weit zurückreichende Tradition, denn im Indogermanischen ist „hel“ gleichbedeutend mit „rufen, lärmen“. Diese Tradition geht in der gesamten Region mindestens bis ins Mittelalter zurück, ist aber ebenso unverwechselbar im Dammer Raum verwurzelt – siehe das Plattdeutsche „Fastaubend“ in diesem Ruf.
Die Formen der Dammer Fastnacht haben sich im Laufe der Jahrhunderte deutlich gewandelt, obwohl noch einige Reste des Urcarnevals in Damme erhalten sind. So ist z. B. das Hahnenschlagen, Hahnenreiten oder Gänsereißen verschwunden, bei dem zu Pferde oder im Lauf einem lebenden Tier der Kopf abgeschlagen werden musste. Der überlieferte „Heischegang“ hingegen ist in abgewandelter Form heute noch als „Gänsemarsch“ am Fastnachtsdienstag erhalten: Ursprünglich zog man vor Beginn der Fastenzeit, also am Abend vor dem langen Fasten (s. „Fastaubend“), durch sämtliche Haushalte des Ortes und nahm alles Ess- und Trinkbare an sich, hängte es an der vorangetragenen Gaffel auf, um es anschließend gemeinsam zu verprassen. Die Gaffel wird auch weiterhin als Aufhängung für die Fahne der Dammer Carnevalsgesellschaft von 1614 den Fastnachtsumzügen wie auch dem Gänsemarsch vorangetragen.

Dass es bei beiden Formen zu Exzessen kam, war wohl der Grund dafür, dass diese Spielarten beseitigt oder verändert wurden. In den Jahren um 1870 übernahmen die Dammer Narren eine geselligere und weniger martialische Art, Fastnacht zu feiern, wie sie aus dem Rheinland bekannt ist: Sitzungen, Bälle, Umzüge mit vorgegebenen Themen sowie den prinzlichen Hofstaat zur närrischen „Regentschaft“. Dieser festgelegte Ablauf bestimmt in gewissen Variationen, verflochten mit einigen urtümlichen Fastnachtsbestandteilen, auch heute noch den Dammer Carneval.

Neben allgemeinen Überlieferungen aus der Region gibt es die ersten urkundlich nachweisbaren Zeugnisse vom „Fastelabends Spiele“ im Jahr 1564 sowie von „Großfastelabendt“ im Jahre 1609. Seit 1614 ist es die „Dammer Carnevalsgesellschaft“, die als Organisatorin des Fastnachtsgeschehens auftritt. Das Gründungsjahr führt sie auch im Namen und kann es mit Hilfe einer alten Fahne belegen. Die inhaltlich-organisatorische Umorientierung um 1870 sowie alle folgenden Neuanfänge gingen natürlich maßgeblich von der Carnevalsgesellschaft aus.
Trotz der „entschärften“ Art der Fastnacht fand 1892 die katholische Kirche, dass der Carneval „ausarte“, und setzte 1892 zu den Fastnachtstagen ein „Vierzigstündiges Gebet“ an, zu dem die Gläubigen ausnahmslos verpflichtet waren. Zwar versuchten diese, die Geistlichkeit in ihrer unverrückbaren Haltung umzustimmen, doch half das nichts. Da jedoch die Fastnacht so tief im Dammer Wesen verwurzelt war, wollte man sie nicht aufgeben und feierte ab 1893 einfach eine Woche früher. Das ist bis heute so geblieben.

Für 1901 zeigen die Protokolle die Herausgabe eines ersten Liederbuches an, das im Laufe der Jahre immer weiter ergänzt wurde und heute bereits die fünfzehnte Auflage hat. Die ältesten Lieder wie „Wir, das alte Volk zu Damme“, „Heil Herrscher, Dir, Prinz Carneval“, „Es tönet Bellenklingen“ sowie „Kerls, seid fidel“ entstammen in Text und Melodie-Vorlage der Zeit des Kaiserreichs. Dagegen ist das volkstümliche „In Damme ist heut‘ Carneval“ dem Neuanfang nach dem letzten Weltkrieg zu verdanken.

Während der beiden Weltkriege fand der Dammer Carneval aus naheliegenden Gründen nicht statt. Auch ab 1922 durften wegen des Fastnachts- und Versammlungsverbots in den unsicheren Zeiten der Weimarer Republik keine Umzüge durch die Dammer Straßen ziehen. Entsprechende Aktivitäten verlagerten sich in den privaten Bereich, bis 1933 mit einer großen Dammer Gruppe im Rahmen einer „Heimatwoche“ des Landkreises Vechta Umzug und Carnevalsgesellschaft wiederbelebt werden konnten, zumal Brauchtum und alte Traditionen im Dritten Reich durchaus Unterstützung fanden.

Die 1930er Jahre waren für die Ausweitung des Dammer Carnevals auch insofern bemerkenswert, als ab 1938 neben dem „großen“ Prinzen nun ein Kinderprinz gewählt und der Sonntagsumzug als Kindercarneval neu eingeführt wurde. Wegen der Wirren und Probleme in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg begann man in Damme erst 1949 wieder mit dem Fastnachtfeiern. Seitdem konnten nur 1962 wegen der Hamburger Sturmflutkatastrophe und 1991 angesichts des Golfkriegs die Umzüge nicht durchgeführt werden. Im zuletzt genannten Jahr gründete sich ebenfalls eine zweite närrische Organisation, der „Dammer Carnevalsclub von 1991″ (DCC 91), der mit der Carnevalsgesellschaft von 1614 in einer Art arbeitsteiligem Veranstaltungsverfahren zusammenarbeitet.

Waren es in den 1950er Jahren an den beiden Umzugstagen (am Sonntag sowie Rosenmontag) noch etwa zwanzig bis dreißig Gruppen und Wagen, die durch die Dammer Straßen zogen und ihr „Helau Fastaubend!“ riefen, so hat sich deren Zahl heute (2008: 240!) vervielfacht, wobei Größe, Ausstattung und Ideen in den Gruppen wesentlich aufwändiger und reichhaltiger geworden sind. Etwa 9000 Umzugsteilnehmer gestalten nach eigenen Ideen und in selbständiger Initiative auf einem Weg von 5 km Länge Umzüge von ca. 4 –5 Stunden Dauer. Mit diesen Zahlen zeigt Damme die größten Umzüge Norddeutschlands. Folglich ist Damme an den Fastnachtstagen Anziehungspunkt für insgesamt weit über hunderttausend Besucher.

Das Stadtmuseum Damme hat im Bereich der ständigen Ausstellung die Geschichte der Dammer Fastnacht reichhaltig dokumentiert (vgl. dazu auch Texte und Bilder
unter >> www.heimatverein-damme.de). Öffnungszeiten sowie Möglichkeiten für Besucher oder Gruppen siehe dort.

Literatur:
Aka, Christine/Pfister, Heike: Von der Fastnacht zum Karneval; in: Bade/Kessel/Oberpenning/Schindling (Hg.):
Damme – Eine Stadt in ihrer Geschichte; Sigmaringen 1993, S. 561-598
Schomaker, Alwin: Das Alte Volk von Damme, 2 Bde., Vechta 1964

Die Anfänge

Carneval 1564: Jägerstreit und Spießrutenlaufen

Obwohl längst bekannt ist, dass wohl im ganzen christlichen Abendland vor Beginn der Fastenzeit spätestens seit dem Mittelalter närrisch-ausgelassene Aktivitäten nachzuweisen sind, gibt es für die Region des Oldenburger Münsterlandes dafür recht wenige konkrete Belege. Sie sind eher zufällig oder beiläufig, wie es der Dammer Beleg von 1564 ebenfalls ist. Vorausgeschickt werden muss der Hinweis auf den schon drei Jahrhunderte dauernden Streit der Fürstbischöfe von Münster und Osnabrück um Damme, der sich auf alle Lebensbereiche erstreckte. So ging es in diesem Fall um die Berechtigung zur Jagd in den Wäldern der Dammer Berge.
Nachdem sich nun 1564 ein Osnabrücker und ein Münsterscher Untertan „am Stutenberge“ in dieser Weise stritten (s. Prozessakten-Aufschrift), schossen sie nicht auf Hase und Reh, sondern aufeinander, was zur Folge hatte, dass der Osnabrücker schwer verletzt liegen blieb. Das führte aber nicht etwa dazu, dass der Münstersche angeklagt wurde und ins Gefängnis kam, sondern der angeschossene Osnabrücker. Denn Ordnungshüter- und Richterposten waren zu diesem Zeitpunkt von der münsterschen Partei besetzt. Der Richter nun verurteilte schließlich den verletzten Osnabrücker Jäger zum Spießrutenlaufen durch die närrische Menge, auf dass er „zum schawe unnd vastelabendts spiele umbgefuredt“ werde (s. Abb., mittlere Zeile). Das Ergebnis war sehr makaber, denn der Ärmste war nach diesem Spießrutenlaufen tot geschlagen. So bedauerlich dieses Ereignis ist, so zeigt es doch, wie geschickt die fürstbischöflichen Machthaber die Volksstimmung anheizten und für ihre eigenen Zwecke einsetzten. Aber den umfangreichen Prozessakten, die sich danach ergaben, verdanken die Dammer die bisher älteste urkundliche Erwähnung eines Fastnachtsumzugs von 1564.

Carneval 1614: Die Fahne der barocken Lebenslust

Wie allgemein bekannt, führt sich die Dammer Carnevalsgesellschaft auf das Jahr 1614 zurück. Ganz übergenaue Zeitgenossen verlangen zum Beweis das Gründungsprotokoll. Doch einerseits wird es so etwas wohl nicht geben, denn die meisten Leute beherrschten um diese Zeit das Lesen und Schreiben gar nicht. Andererseits würde es bald darauf in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges sicherlich verbrannt, verschleppt oder verschollen sein – wie es ja auch alle Kirchenbücher sind, die eventuell indirekte Quellen wären. Trotzdem gibt es einen sehr überzeugenden indirekten Hinweis auf das Jahr 1614.
Es ist die Fahne, deren Original heute im Stadtmuseum gezeigt wird. Nicht nur dass sie die Inschrift „Anno 1614“ trägt, sondern die Art der Darstellung des Narren entspricht in ihrer fehlenden Tiefe oder Dreidimensionalität wie auch in ihrer Emblematik, d. h. den Beigaben, die eine symbolische Bedeutung haben, ganz und gar der Barockzeit. Hinzu kommt die zeittypische Aufforderung eines recht derben „Lass ne sausen“ auf der Rückseite der Fahne. Damit ist 1614 mit dem Höhepunkt barocker Lebenslust ausgesprochen einleuchtend.

Das Dekor der Rückseite sowie die an eine Germania erinnernde Frauengestalt vorn haben freilich etwas Klassizistisches. Sie zeigen, dass diese Fahne wohl erst um 1820/1830 entstand, jedoch einen älteren Vorläufer, nämlich die Urfahne von 1614, besaß. Insofern ist die erhaltene Fahne im Stadtmuseum eine zeitgemäße Überarbeitung einer zwei Jahrhunderte alten Vorlage.
Die Carnevalsgesellschaft darf also getrost von dem Gründungsjahr 1614 ausgehen, zumal es aus gleicher Zeit weitere Belege für die Feiern aus närrischem Anlass gibt, etwa in einer Geburtsurkunde der Familie Wedemeyer, in der vom „Großfastelabendt“ die Rede ist.
Allerdings feierten die Narren ihre Fastnacht als Heischegang. Das heißt: Sie gingen am Abend vor Beginn der Fastenzeit, also vor Aschermittwoch von Haus zu Haus, sammelten alles Ess- und Trinkbare, um alles die Nacht hindurch kräftig zu verprassen. Daher auch das Wort Fastnacht. Anschließend musste sechseinhalb Wochen bis Ostern gefastet werden.

Carneval 1815: „Lustbarkeiten“ genehmigt, aber „ohne Nachtschwärmereyen,…Unordnung und polizeywidriges Betragen“

Aus dieser Zeit sind nicht viele Belege zur Dammer Fastnacht erhalten. Umso aufschlussreicher ist darum das folgende Dokument von 1815, in der Dammes Kirchspielsvogt Bernard Anton Huesmann um Genehmigung beim Amt Steinfeld für die zum Carneval üblichen „Lustbarkeiten“ ersucht. Neben dem zu dieser Zeit üblichen „Heischegang“ von Haus zu Haus gab es demnach auch Tanzveranstaltungen an mehreren Tagen.
Da den Wirten die Verantwortung für die Ordnung übertragen wurde, darf man davon ausgehen, dass die Gaststätten vor Beginn der Fastenzeit ausgiebig aufgesucht wurden.

Carneval 1869: Die erste Fastnachtszeitung erscheint
und die Dammer lernen, sich zum Carneval zu kostümieren

Die Zeit um 1870 ist für Damme ganz entscheidend, denn nun beginnt ein tief greifender Wandel von der Fastnacht zum Carneval.
Man könnte auch sagen: Die Dammer lernten erst jetzt, sich zu kostümieren. Tatsächlich war bis dahin der Umzug zur Fastnacht der „Heischegang“, bei der die Gaffel das einzige zweckentfremdete und mit allerlei Würsten, Schinken „verkleidete“ Instrument war . Nur der Zeitpunkt gab diesem großen Gelage den Namen: „Fastnacht“. Das bedeutet: Eigentlich war der Dienstag der reguläre Umzugstag. Bis heute hat sich aus diesem Heischegang der Gänsemarsch erhalten, der ja auch am Dienstag nach den beiden Umzugstagen stattfindet.
Um 1870 kamen über Münster und Osnabrück die rheinischen Formen nach Damme. Sie brachten kostümierte und thematisch bestimmte Rosenmontagsumzüge, Maskenbälle und Narrensitzungen mit Büttenvorträgen oder einer Festtagszeitung, aber auch die Carnevalsprinzen mit sich. Der Prinz war dabei eine genauso ironische Darstellung des autoritären Adels wie die Fastnachtszeitung die Seriosität der Tageszeitung als offizielles Herrschaftsorgan in Frage stellte. Sie entzog sich jeglicher Zensur. Die Narrenfreiheit garantierte ihr den Fortbestand.

Diese rheinischen Formen kamen durch Verbindungen Dammer Kaufleute sowie durch die Handwerker, die früher während ihrer Gesellenzeit auf Wanderschaft gingen und sich bei fremden Meistern fortbildeten, zustande und brachten „städtisches Flair“ in den ländlichen Raum. Leider ist uns nur der Kopf der zweiten Ausgabe der Fastnachtszeitung von 1870, nicht aber die erste von 1869 erhalten (s. Abb.).

Carneval 1892/93: Eine Woche früher zu feiern wird nun zur Regel

Die vorliegende „Polizeiverordnung“ von 1892 reagierte kurzfristig auf ein Ereignis, dem wir die Vorverlegung des Carnevalsgeschehens um eine Woche zu verdanken haben.
Der Bischof von Münster hielt schon seit längerer Zeit das Fastnachtstreiben für sündhaft und sittenbedrohend. So ordnete er für 1892 das „Vierzigstündige Gebet“ an, eine Nonstopp-Gebetsübung, an der alle Gläubigen in festgelegter Reihenfolge teilzunehmen hatten. (Übrigens lag der Katholikenanteil in Damme um diese Zeit bei 97 %.)
Natürlich ließ sich dabei nicht auch noch stundenweise Carneval feiern, geschweige denn ein Umzug durchführen. Trotz vieler Eingaben der Dammer Narren bei der Geistlichkeit vor Ort (Pfarrer), in Vechta (Offizial) und in Münster (Bischof) blieben diese Herren unerbittlich.

Was dann für 1892 noch als vorläufige Ausnahme galt und durch die „Polizeiverordnung“ ironisch gesehen wurde, führte man ab 1893, also seit nunmehr schon bemerkenswert langer Zeit, als Regel ein: Der Dammer Rosenmontag findet eine Woche früher als dem anderswo üblichen statt.
Damit schlugen die Dammer dem Bischof ein Schnippchen – und sollten sie denn tatsächlich zu Carneval gesündigt haben, so konnten sie es eine Woche später mit Büßen und Beten wieder „ausbügeln“.
Dass es bis heute bei diesem Termin geblieben ist, hat natürlich für manch unersättliche Närrinnen und Narren einen Vorteil: Wer will, kann das Wochenende später nochmal oder weiterfeiern…

Carneval 1904: Das erste Umzugsfoto!

Wir sind in der glücklichen Lage, vom Rosenmontagsumzug 1904 ein Foto zu besitzen, das erst vor wenigen Jahren wieder aufgetaucht ist und als solches identifiziert werden konnte. Es ist somit das älteste bekannte Foto eines Fastnachtsumzugs und zeigt neben der Kutsche des Prinzen Martin Börger (mit Schirm, in der Mitte) auch einige Umzugsgruppen. Schauplatz ist die frisch angelegte Lindenstraße, denn die Gesellschaft zog seit dem Neubau des Bahnhofsgebäudes im Jahre 1900 üblicherweise zur dortigen Gaststätte. Im Hintergrund sind die Gebäuderückseite von Tepe (später Pröbsting) und die Front des Amtsgerichts zu sehen. Rechts „fehlt“ noch die Laurentiuskapelle, denn sie wurde erst 1905 erbaut.
Mit fünf Umzugsthemen und –gruppen war dieser Rosenmontagszug für seine Zeit, d.h. in der Kaiserzeit (1871-1918), „normal“ bestückt, obwohl man 1904 offenbar kein geschlossenes Thema, wie z.B. 1898 den „Chinesenzug“, 1900 „Die Buren“, 1905 „Die Zigeuner“ oder 1907 den „Hauptmann von Köpenick“ gewählt hatte. Denn die Gruppenthemen und -ausstattung bereiteten auf mehreren Sitzungen die Mitglieder der Carnevalsgesellschaft bis ins letzte Detail vor. Die Regel in dieser Epoche des Dammer Carnevals war also der vollkommen durchgeplante und nur von männlichen Mitgliedern der Carnevalsgesellschaft dargestellte Themenumzug. Und selbst dann, wenn man keinen Prinzen fand oder sich auf kein einheitliches Thema einigen konnte, gab es doch als Rosenmontagsumzug den „Großen Zug durch die Gemeinde“, z.T. nicht kostümiert und nur „mit Zylinder und umgewendetem Überzieher“, sprich: Gehrock, auf jeden Fall von Kneipe zu Kneipe und mit viel Musik.
Erkennbar sind auf dem vorliegenden Foto neben der vorausgehenden Musikkapelle und dem reitenden Herold an der Zugspitze hinter dem Landauer Sr. Tollität Martin noch das laut Protokollbuch vorbereitete Schiff „S.M.S. Prinz Carneval“. Dass es sich dabei um eine andere als die heutige Vorstellung von einem Carnevalsumzug handelte, liegt auf der Hand: Zwar gibt es schon seit den 1930er Jahren jede Session noch ein allgemeines Motto, doch ist die Themenauswahl und –gestaltung ganz und gar der Eigeninitiative einzelner Wagenbauergruppen überlassen – ein Element, wovon der Dammer Carneval lebt.

Dammer Narren hatten es in den 1920-er Jahren nicht leicht:
Mit „Besenschmeißen“ gegen das Carnevalsverbot

Im Ersten Weltkrieg hatte man aus nahe liegenden Gründen sämtliche närrische Aktivitäten eingestellt. Das galt auch für das Jahr 1919, denn Waffenstillstand, Abdankung Wilhelms II., „Novemberrevolution“ und schließlich die Wahlen zur ersten Nationalversammlung diktierten das Leben zur Jahreswende 1918/1919.
Selbst zum Carneval 1920 spielten noch große Vorbehalte gegen die Wiederaufnahme der Fastnacht eine Rolle. Im Protokollbuch der Dammer Carnevalsgesellschaft von 1614 heißt es noch am 7.1.1920: „Es wird beschlossen, in diesem Jahr mit Rücksicht auf die jetzige ernste Zeit am Rosenmontag keinen Fastnachtsumzug abzuhalten, es soll aber eine Fastnachtszeitung herausgegeben werden und am Fastnachtsdienstag ein Gänsemarsch stattfinden.“
14 Tage später aber stießen die versammelten Narren den Beschluss wieder um und organisierten mit dazu passendem Galgenhumor einen zeitgemäßen „Schieberzug“, eingeteilt in drei Gruppen als „Klein-, Mittel- und Riesenschieber“. Heinrich Schilgen, Prinz Carneval 1920, spielte in seinem Aufruf in der Fastnachtszeitung auf allerlei Probleme der Zeit an und gab „zur Wiederherstellung des früheren Friedenszustandes“ die Parole „Zurück zur Arbeit!“ aus. Außer dem üblichen Programm (Sonntag „nachm. 5 Uhr“ Ball bei Droste, Rosenmontag, 10 Uhr „Durchfahrt Sr. Närrischen Hoheit des Prinzen Karneval“, 11 Uhr „Großer Karnevalistischer Umzug“, „nachm. 5 Uhr Ball bei Ww. M. Tepe“, Dienstag Gänsemarsch und „nachm. 3 Uhr Jammerkaffee im Lilienthal“, Mittwoch Ball bei Schilgen) setzten die Carnevalisten als Abschluss des Rosenmontagsumzugs eine „Komische Aufführung in einem Akt“ an, den zeitgemäßen „Zusammentritt des Wuchergerichts“, wohl auch in konsequenter Weiterführung des Umzugsthemas „Schieber“.
Diese Art Reaktion auf schleichende Inflation, Nahrungsmittelrationierung, Ausfuhrverbot und Ablieferungspflicht für Landwirte war typisch närrisch und setzte sich im folgenden Jahre fort. Se. Tollität Joseph XI. Bussmann hatte seinen Fastnachtszeitungs-Aufruf im unmissverständlichen Sinne überschrieben: „Stänkerfritzen, stänkert ruhig weiter!“ Der Rosenmontagsumzug lief als „Zug der wilden Zeit“ mit Gruppen wie „Wohnungsnot“, „Notenpresse“ oder „Zeitgemäße Geldschränke“ sowie allerlei direkten oder indirekten Anspielungen auf die Probleme der frühen Weimarer Republik.

Und in diesem hochpolitischen Sinne wäre es auch sicher auch 1922 weitergegangen, denn auf der Sitzung am 4. Januar lagen bereits erste Vorschläge für die Gruppen „Steuerschraube“ und „Geheimplan“ (zur Lösung des Inflationsproblems) vor. Doch dann traf die Dammer Carnevalisten drei Tage später wie ein Blitz aus heiterem Himmel das Karnevalsverbot der Reichs- bzw. Landesregierung, das sich insbesondere gegen alle „öffentlichen Lustbarkeiten“ närrischer Art richtete. Die Irritation war zunächst groß, wiewohl die Versammlung am 18.1. noch geradewegs trotzig die bekannte Strophe „Drum geht das Reich nicht unter“ sang, doch sieben Tage später beantragte einer der sechs (!) anwesenden Narren „die Auflösung der Gesellschaft auf der nächsten Generalversammlung“. (Der Antrag wurde natürlich am 8.2. ohne Rückhalt abgeschmettert.)
Bezeichnenderweise sind auf all diesen und den folgenden Sitzungen Präsident Franz Kleyböcker und Vizepräsident Heinrich Schilgen nicht anwesend. Mit der außerordentlichen Generalversammlung am 8.2. allerdings war die Irritation dann vorbei: Man hatte die närrisch angemessene „Umgehung“ gefunden. Der ein Jahr zuvor gegründete TuS Dammensia musste für die beschlossenen getarnten Carnevals-Aktivitäten herhalten. Am 5. und 12. Februar täuschte man „Theaterabende“ im Saale Droste vor, wo laut OV-Anzeige folgende „Komödien“ gespielt wurden: „Der Herr Konfusionsrat“, „Schuster Sohle und sein Ideal“, „Eckensteher Nante im Verhör“, „Budenzauber“ und schließlich „Freiübungen“. Das war natürlich nichts anderes als das, was heute unter Galasitzung mit Büttenreden, Tanz- und Liedvorträgen verstanden wird!
Die somit eingeschlagene „sportliche Linie“ gipfelte schließlich in einem „Großen Wintersportfest des Turn- und Sportvereins Dammensia“, das „zufälligerweise“ am 20. Februar, also am Dammer Rosenmontag stattfand. Das Programm kam den Narren selbstverständlich bekannt vor: „10 1⁄2 Uhr vormittags Antreten der Turner vor dem Vereinslokal Sellmann. Anschließend großer Werbeumzug durch den Ort unter Vorantritt der Steinfelder Musikkapelle. Die Altersriege (Turnfreunde) wird erstmalig öffentlich auftreten. Danach turnerische Vorführungen in Liliental, woran sich ebenfalls die Altersriege beteiligen wird. Zum Massenbesuch wird freundlichst eingeladen.“ Ansonsten luden wie immer „Drosten Hein“ zum Ball am Sonntag zuvor und Ww. Tepe am Montag (klein gedruckt: „Rosenmontag“) zum „Großen Tanzbetrieb“. „Die schöne Berta“ annoncierte in der OV ganz unverblümt, sie „bleibt für Dienstag, den 21. Februar für die Dammer Carnevalsgesellschaft reserviert“.
Eine andere OV-Anzeige unter dem groß gedruckten Hinweis „Dammer Carneval“ kündigte „Große, große Überraschungen!“ und „Anfang nach Eintreffen der Morgenzüge aus allen Richtungen“ an. Die vorgenannte „Altersriege“ waren übrigens in diesem durchschaubaren Falle die aktiven Narren der Carnevalsgesellschaft.
Ganz ungestört blieb dieses unverhüllt getarnte Fastnachtstreiben denn doch nicht, da das Protokoll am 15.2.22 für die „Paroleausgabe für Rosenmontag“ vermerkt, dass etwa eine Stunde nach Sitzungsbeginn der „Unterwachtmeister nebst Adjutanten“ erschienen sei und die Versammlung aufgelöst habe. Auch einen Prinzen wählte die Gesellschaft nicht, sondern erfand (s. Fastnachtszeitung) eine ungenannte Tollität in der „Verbannung“. Und ein weiterer Wermutstropfen kam hinzu: Das zu Carneval 1922 geplante „Notgeld“ war leider nicht rechtzeitig fertig geworden. Doch auch das verkraftete man närrisch und druckte nachträglich auf: „Der Dammer Lappen kam zu spät, drum ist nicht wahr, was oben steht. Prinz Carneval.“
Für 1922 war also die Dammer Fastnacht trotz Carnevalsverbots relativ unkompliziert gelaufen. Zur Belohnung erhielt sogar der TuS Dammensia aus dem Überschuss der Sessionsabrechnung vom 1. März 100 Mark zugesprochen. Da aber die schleichende Inflation mit dem Jahre 1923 in die Hyperinflation und damit in immer krassere wirtschaftliche Probleme überging, fehlte für den nächsten Carneval die nötige Leichtigkeit und Unterstützung.
Auf der Generalversammlung am „Dritten Weihnachtstag“ 1922 bemühte man sich folglich, den Kassenbestand, „um weiterer Geldentwertung vorzubeugen, in Trinkbranntwein Marke Enneking anzulegen“. Narr Hubert Butke schaute bereits weiter und wollte zur nächsten Fastnacht „ein plattdeutsches Theaterstück über die Bretter gehen“ lassen. Dem wird in einer Sitzung am 10.1.1923 entgegengesetzt: „Zu Fastnacht wird ein Besenschmeißen nebst Kegeln auf dem Kirchhof vorgeschlagen.“ Das konkretisierte sich am 17.1., als es im Protokoll hieß: „Narr Bielefeld erklärt das geplante Besenwerfen.“
Wie es dann tatsächlich weiterging, lässt sich aus dem Versammlungsprotokoll vom 31.1. ablesen:
„Programm für Rosenmontag
I. 8 1/2 Uhr Versammlung in der Hofburg.
II. Umzug über Osterdamme, Borringhausen, Rüschendorf, Osterfeine, von dort zurück über Kümpers Mühle, Oldorf, Damme. In Anbetracht der ernsten Zeit u. des Einfalles des Erzfeindes in das Herz unseres Vaterlandes – das Ruhrgebiet – wird von einem Umzug mit närrischem Prung (!) abgesehen.
III. Besenwettkampf: die Leitung wird dem Narren Bielefeld übertragen.“
Was da unter dem Punkt II angedeutet war, darf man wohl als ausgiebige Kneipentour verstehen, während der „Besenwettkampf“ als Abschluss dieser „Sause“ wohl ein Gag aus Sparsamkeitsgründen blieb. Der Hyperinflation gemäß hatte auf jeden Fall ein Exemplar der Fastnachtszeitung in diesem Jahr 200 Mark gekostet, eine Summe, die eilig über die vorgesehenen 150 Mark gedruckt wurde und den schnellen Geldwertverfall verdeutlicht. Die „Schriftleitung“ betonte jedoch, das „Centralorgan des Narrenreichs“ sei nach wie vor „für ein Ei“ (bzw. dessen Gegenwert) erhältlich. Was sich in den Folgejahren an närrischen Aktivitäten anschloss, war recht wenig.

Zwar fand am 27.12.23 die turnusgemäße Generalversammlung mit der Wahl eines neuen Präsidenten (Hans Schierberg) ,Vizepräsidenten (August Leiber) und Schriftführers (Carl Diekhöfer) statt, bestimmten auf der übernächsten Sitzung die 13 anwesenden Narren auch noch einen Prinzen (Fritz Enneking), doch beschäftigten sich sowohl Protokoll wie auch die Narren eher mit der Frage, wer die nächste Runde ausgibt, wohingegen von einem Umzug nicht mehr die Rede ist. Allerdings „ordnet“ Se. Tollität Friedrich an, dass „am Rosenmontag die Fahr- und Reitschule ein(en) offiziellen Ritt durch die Residenz veranstaltet“.
Auf der „Schlusssitzung“ am 5.3.24 bemängelte Präsident Kleyböcker, dass „die erschienene Fastnachtszeitung weder vom Vorstand noch vom Präsidenten noch von der Redaktion noch von den Adjutanten noch von einem Mitglied der Gesellschaft herausgegeben, … somit Landesverrat begangen“ sei. Sie blieb denn auch bis 1933 die letzte Fastnachtszeitung, denn nun wurden die Aktivitäten noch spärlicher.
Die verspätete Generalversammlung 1925 brachte keinen neuen Vorstand zustande. Also traf man sich erst ein Jahr später, um nur noch den nächsten Hofburgwechsel vorzubereiten, vereinzelte Sitzungen ohne Planung konkreter närrischer Aktivitäten abzuhalten, die nach dem 12.1.1927 dann ganz aufhörten – oder zumindest protokollarisch nicht fixiert sind. Ein letzter Eintrag vom Aschermittwoch 1931 stammt von drei Unterzeichneten und betont, dass „die Dammer Fastnacht nicht untergehen“ solle. Was an privaten närrischen Feiern in den Häusern (sog. „Hausbälle“) während der 1920-er Jahre stattfand, wird allenfalls mündlich berichtet, entsprach jedoch dem weiterhin gültigen Carnevalsverbot, dem sich die Dammer Narren trotz mancher Kapriolen 1922/23 schließlich doch beugten.
Erst die „Heimatwoche“ im Juli 1933 reaktivierte, förderte und erlaubte erneut die alte Dammer Fastnachtstradition, so dass 1934 wieder regelmäßig das seit etwa 1870 gepflegte (und rheinisch beeinflusste) „Programm“ der Carnevalsgesellschaft von 1614 aufblühen konnte.
Ein Teil des Geschilderten ist im Dammer Stadtmuseum in der Carnevalsabteilung ausgestellt, wobei dort auch das entsprechende Büchlein „Notgeld – Notzeiten. Damme während der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg“ für 5 EUR erhältlich ist, das auch einen originalgetreuen farbigen Nachdruck des „Dammer Notgelds“, herausgegeben von der Carnevalsgesellschaft, enthält .

Dammer Carneval 1933: im Juli und in Vechta…
Vor 75 Jahren stieg Phönix aus der Asche

„1. Als Phönix aus der Asche
Steigt unser Reich empor.
Und in der Heimatwoche,
Da kamen wir hervor.

2. Wir wollen wie die Alten
Die Fastnacht neu begehn,
Sie würdig fortgestalten
Und treu zur Heimat stehn.“

Prolog der Sondernummer der Dammer Fastnachtszeitung vom 9. Juli 1933)

Wenn er mit dem Zeigefinger und wachen Auges diese Zeilen teils holprig, teils elegant bewältigt hat, wühlt es fragend, verwundert, überwältigt und auffordernd im Herzen des närrischen Dammers umher. Umso mehr, als seine historische Schlagader angestochen ist, die ihn ohnehin im Laufe des Jahres gern juckt.
Bevor aber das Mysteriöse ins Dunkel der Umnachtung entfleucht, wollen wir unseren eingangs vollends aufgewühlten Dammer nicht etwa an der geröteten Nase, sondern zum Baum der Erkenntnis führen. Der gereichte Apfel enthält nämlich so manche Frage, wobei der liebe Gott in den tollen Tagen sowieso ungefähr zwei Augen zudrückt. Nur den Geist lassen wir über dem Dammer Wasser ungehindert schweben.

Zäumen wir also den Phönix aus Vers 1 beim Schwanze auf, um unsere gerunzelte Stirn mit dem Geheimnis zu umwölken, warum denn 1933 im Juli eine Fastnachts-Zeitung erscheint – und dann auch noch als Sondernummer. Die Narrenwelt weiß doch unumstößlich. kaum dass sie laufen kann: Erst klingelt das Christkind, dann pingelt Peter. Hier aber scheint man ja Osterhasen und Pfingstochsen den eindeutigen Vortritt gelassen zu haben!
Damit kommen wir dem Stein der Weisen schon erheblich näher, obwohl die nächste Mitteilung alles noch verwirrender macht: 1933 fand der Dammer Carnevalsumzug in Vechta statt. Jawohl, in Vechta! Es war aber nicht so, dass die Pferde durchgegangen waren oder der Kutscher verwirrten Geistes gar umnebelt war, sondern so, dass dort eine sogenannte „Heimatwoche“ stattfand, die allerhand Besonderheiten der Kreisgemeinden in einem Festzug vorzuführen gedachte. Prinz Franz (Leiber) zeigte dort, was er hatte, nämlich Dammer Eigenart, die erwartungsgemäß närrisch ausfiel.
Sein Gefolge, unter dem besonders angenehm Josef Stromann hervorstach, verstärkte diese Wirkung so sehr, dass die Vechtaer jahrzehntelang nicht wagten, einen eigenen Karneval, schon gar nicht einen mit großem C, aufzuziehen, und erst in neuerer Zeit einen separaten Narrenverein auf die flott gemachten Behörden-Beine stellten.

Die Wirkung nach außen war aber bei diesem Tag der Gemeinden des Kreises nicht die entscheidende, sondern die nach innen. Das Dammer Narrentum, in den 1920er Jahren mehr im Untergrund tätig, aber nie erlahmend, von leeren Geldbeuteln geschwächt, durch Verbot abgewürgt, rottete sich wieder zusammen. Über den vorgeblichen Umweg der hochzuhaltenden heimatlichen Tradition brannte wieder in schillerndsten Farben, was jahrelang nur dumpf und hinter verschlossenen Türen geschwelt hatte.
Wenn wir jetzt diese Asche in den Mülleimer der Geschichte kippen, fehlt uns jedoch vorerst der zündende Funke. Auch hier mag zunächst verwirren, dass der sozusagen von Steinfeld kam, demnach also als „Feuer“-Stein. Nun braucht man nicht gleich in Befürchtungen auszubrechen, dass die Dammer ihr Feuer eventuell aus dem benachbarten Steinfeld bezögen, vielmehr waren die Steinfelder selbst schon entflammt im heftigsten Streit um ihren dicken Stein, zumal sie ihn allerjüngst erst mit Ach und Krach aus der Schemder Bergmark herbeigekarrt hatten. Darüber freuten sich in jenen Tagen einige gewitzte Dammer so sehr, dass sie ihn zum Grundstein der wiederaufflammenden Dammer Fastnacht machten – ohne die markigen Folgen schon ganz zu überblicken. (Das Kennzeichnende am Dammer ist ja, dass er selbst im Trüben weit blickt – allerdings auch umgekehrt.)

In munterer Stammtischrunde sprang der genannte Funke dergestalt über, ja, schlug so ein, dass man den Steinfeldern ihren Stein kurzerhand entwenden und ihn auf Rosenmontag den sehnsüchtigen Blicken der Dammer vorführen wollte. Diese litten nämlich unter bitteren Ent(um)zugserscheinungen. Der kleingeistige Realist könnte an dieser Stelle vortragen, solch ein Findling sei doch viiiel zu schwer, und das würden die doch sowieso merken und überhaupt – ohne Hydraulik früher, das geht nicht. Da spricht natürlich der Fachmann von der Hebebühne, der Narr aber schmunzelt von unten und handelt. Im Handumdrehn ward ein mächtiger Findling auf einem Vierspänner dem Steinfelsigen nachgebaut und leichthufig von dort bis Damme chauffiert.

Das alte Volk von Damme staunte nicht schlecht, erinnerte sich und lachte sich ins Fäustchen. Der Phönix war erstanden und die Asche glühte noch. Heimatliche Funken hatten den bunten Vogel wieder flügge gemacht, denn eine närrische (Land) Kreisbewegung führte erneut ins Zentrum der Narretei nach Damme. Überflüssig zu sagen, dass ein Lauffeuer jedes Haus ergriffen hatte – freilich nicht so wie 1691 in Form des roten Hahns und zerstörerisch, sondern höchst erbaulich. Mit wohlwollender und gelegentlich lauthals geäußerter Freude blicken die Angesteckten jetzt 75 Jahre zurück. Denn wo säßen sie heute zwischen Januar und Februar, hätten nicht die Gillmanns, Butkes, Drostes, Kochs, Stromanns, Leibers, Mählers, Schilgens, Hellmanns, Vieths usf. die Zeichen der Zeit erkannt? Welch ein Bild das Jammers gähnte uns was vor!
Diese Zeichen standen, wie man weiß, hinlänglich auf Sturm, denn 1933 ist nicht nur für die Dammer Narren ein Jubel-Jahr, sondern angesichts der (zur Carnevalszeit erfolgten) „Machtergreifung“ ein denkwürdig dunkles. Die eingangs bedichtete Asche deutet aber nicht auf den dunkelbraunen Augenblick, „wenn alles in Scherben fällt“, sondern auf die heimischen Seelen, die in einem versteckten Kästchen die närrische Urne beigesetzt hatten. Bezeichnend ist hier auch, dass in Vers 2 des Prologs das „empor steigende Reich“ hervorsticht. Der feinfühlende Dammer weiß natürlich, wenn „unser Reich“ erwähnt ist, um welches es sich handelt. Es ist nicht tausendjährig, sondern bald vierhundert Lenze jung. Und kein morscher Knochen braucht vor ihm zu zittern.
Wie aus der gesamten Carnevalsgeschichte hervorgeht, entbrennt die Fastnacht dann besonders heftig, wenn die Zeiten ein Ventil verlangen. Ein unbändiges Bedürfnis der Dammer nach Unabhängigkeit sprengt darum die Fesseln der Anpassung immer wieder gern. Schließlich war es ja die Dammer Carnevalsgesellschaft von 1614, die als einziger Verein hierzulande nicht von den Nationalsozialisten vereinnahmt oder gleichgeschaltet wurde.